Objekt des Monats

Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.

August 2021

Fotografie aus dem Jahr 1964

Material

Farbe auf Papier

Maße

7,5 cm x 10,5 cm

Schenkung

Hasan Barlas Foçali

Focali-Sammlung-Deutsches-Auswandererhaus

© Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Historische Einordnung

Am 19. August ist Welt-Fotografie-Tag! An diesem Tag im Jahr 1839 erwarb der französische Staat das Patent für die Daguerreotypie, ein Verfahren zur Fotografie, benannt nach ihrem französischen Erfinder Louis Daguerre – und stellte es allen zur Verfügung. Dieses Datum gilt als Geburtsstunde der Fotografie. Fotografien sind bis heute eine globale und beliebte Methode, um selbst große Ereignisse und schöne Momente festzuhalten. Sie bewahren, bezeugen und dokumentieren und sind gleichzeitig bedeutungstragende Kommunikationsmittel. Im Zusammenhang mit Migration werden selbst angefertigte Fotografien meist als Abbildungen neuer Lebenswelten gelesen, die als transnationales, diasporisches Medium wirken, wenn sie in die Herkunftsländer verschickt werden. Auswander:innen schickten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert  ihre Fotografien zum Beispiel als Postkarte an die zu Hause Gebliebenen. Sie zeigen, wie und wo sie angekommen sind, was sie erreicht haben oder welche neuen Familienmitglieder es vorzustellen gibt. Gleichzeitig sind sie ein Instrument für die eigene Selbstverortung: Die sogenannten Gastarbeiter:innen in Deutschland schossen zum Beispiel Fotografien von sich selbst vor historischen Gebäuden, Parks oder anderen bekannten Bauwerken und schickten sie in ihr Herkunftsland. Diese Fotografien zeugen von Fremdheitserfahrung aber auch neuen Selbstbeschreibungen und Identitäten.

Kurzbiographie Hasan Barlas Foçali

Hasan Barlas Foçali wird am 6. Juni 1939 in der türkischen Stadt Ayancık geboren. 1946 zieht die Familie vom Schwarzen Meer in die Großstadt Istanbul. Auf Wunsch des Vaters geht Hasan Foçali nach dem Abitur zum Studieren nach Deutschland. Im Juni 1961, wenige Wochen vor dem Mauerbau, kommt er in Berlin an. Dort will er Medizin oder Ingenieurwissenschaften studieren, macht zunächst jedoch ein Praktikum bei Siemens, wo er sich als Heimleiter und Dolmetscher um die Belange der ersten türkischen „Gastarbeiter:innen“ in der Firma kümmert. Im Sommersemester 1962 beginnt Hasan Foçali schließlich sein Zahnmedizinstudium an der Freien Universität Berlin. 1965 kehrt er aus persönlichen Gründen in die Türkei zurück. An der Universität Istanbul beendet er 1970 sein Studium. Eines Abends lernt er in Istanbul seine jetzige Frau Ilona kennen. Sie ist damals mit ihrer Familie im Urlaub und der Grund für seine Rückkehr nach Deutschland im November 1971. Im Jahr darauf heiraten die beiden und bekommen drei Kinder. Bis zu seinem Ruhestand 2008 arbeitet Hasan Foçali zunächst in Berlin und später in Lippstadt als Zahnarzt.

 

Bedeutung des Objekts

 „Als ich nach Berlin kam, waren nur 12 Türken da. Sie waren alle Studenten. Es gab noch keine Gastarbeiter aus der Türkei.“

Kontakte knüpfen, Ortskenntnisse haben, zu Veranstaltungen gehen: Dieses Foto erzählt vom Ankommen. Der Student Hasan Foçali (links) sitzt zusammen mit zwei Arbeitsmigranten, sogenannten Gastarbeitern, in einer gemütlichen Runde bei einer Feier in einer Gaststätte in Berlin im Jahr 1964. Das Bild zeigt aber noch mehr. Es verdeutlicht, dass in den 1960er Jahren nicht nur sogenannte „Gastarbeiter:innen“ von der Türkei nach Deutschland einwanderten, sondern auch Bildungsmigrant:innen, die für ihr Studium oder ihre Ausbildung den Wohnort wechselten. Und es berichtet uns, hier auf einen Blick, von Begegnungen unterschiedlicher aber gleichzeitiger Einwanderungsgruppen in Deutschland.

Haben auch Sie …

… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0 oder per E-Mail unter: [email protected]

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