Objekt des Monats
Jedes Objekt in der Sammlung des Deutschen Auswandererhauses erzählt eine ganz persönliche Auswanderungs- oder Einwanderungsgeschichte. In dieser Rubrik stellen wir Ihnen jeden Monat ein anderes Objekt vor – eine Fotografie, ein Dokument oder ein persönliches Erinnerungsstück.
März 2026
Gitarre, um 2000
Größe | 76,4 x 27,1 x 7 cm |
Material | Holz, Kunststoff |
Schenkung | Dr. Annette Ballhorn |
Historische Einordnung
I. Was ist Migration? Und wer ist Migrant:in? Diese Fragen zu beantworten ist häufig gar nicht so einfach. Verschiedene Definitionsmerkmale können hier angebracht werden, um einer Antwort näherzukommen. Ein wichtiges Merkmal von Migration ist wohl, das eigene Erleben und die Wahrnehmung dieser Erfahrung – eine Selbstdefinition.
II. Heutzutage versteht sich die sogenannte Entwicklungszusammenarbeit als gleichberechtigte partnerschaftliche Zusammenarbeit von sogenannten Geber- und Empfängerländern und durchlebte so seit den Anfängen nach dem Zweiten Weltkrieg einen deutlichen strukturellen Wandel, verfolgt jedoch das gleiche Ziel: eine nachhaltige Verbesserung und Kooperation. Die im Zuge der Entwicklungszusammenarbeit gegründeten Initiativen decken verschiedene Bereiche von sozial bis wirtschaftlich ab.
Kurzbiographie
Nach dem Medizinstudium in Deutschland mit Spezialisierung auf Gynäkologie migriert Annette Ballhorn 2003 nach Ruanda. Im Krankenhaus verantwortet sie unter anderem die frauenärztliche Sprechstunde. Ihren Arbeitsalltag beschreibt Annette Ballhorn als herausfordernd und als nachhaltig prägende Erfahrung. Zu den medizinischen Fällen, die sie betreute kommen außerdem strukturelle Erschwernisse. Nach dem Bürgerkrieg in Ruanda musste sich auch das Gesundheitssystem erst wieder etablieren, was beispielsweise zur Folge hatte, dass viele Patient:innen ohne Versorgung bleiben.
„Ich bewunderte die Frauen und empfand ein sehr starkes Solidaritätsgefühl.“ (Dr. Annette Ballhorn)
In ihrem privaten Alltag besucht sie an jedem zweiten Wochenende Ruandas Hauptstadt Kigali und knüpft hier freundschaftliche Kontakte. Nach einem Jahr in Ruanda kehrt Annette Ballhorn nach Karlsruhe zurück und gründet in den Folgejahren eine Familie. 2004 und 2005 verbringt sie zweimal vierzehntägige Projektreisen im Burkina Faso und im Jahr 2011 übernimmt sie nach einem weiteren Studienabschluss, dieses Mal in Begleitung ihrer Familie, eine Vollzeit-Stelle in Äthiopien. Ihre Erwartungen, dass sie durch einen stärkeren Fokus auf die systemisch-strukturelle Arbeit mehr bewegen kann, werden jedoch enttäuscht. 2013 kehrt sie mit ihrer Familie nach Deutschland zurück. Heutzutage hält Annette Ballhorn Vorträge beispielsweise an Schulen oder arbeitet als Gastdozentin am UKE in Hamburg. Die Aufklärungsarbeit und humanitäre Tätigkeiten nehmen in ihrem Leben einen hohen Stellenwert ein. Obwohl Annette Ballhorn berichtet, dass ihre beruflichen Erfahrungen sie auch belasten, schließt sie eine weitere Auswanderung in ein afrikanisches Land in nicht allzu ferner Zukunft nicht aus. Am meisten prägte sie jedoch ihre erste Migrationserfahrung nach Ruanda:
„Ruanda ist das, was ich bin, womit ich mich identifiziere.“ (Dr. Annette Ballhorn)
Bedeutung des Objekts
Die Gitarre bekommt Annette Ballhorn vor ihrer Auswanderung nach Ruanda von ihrer Mutter geschenkt. Das Musikinstrument begleitet sie auch nach Burkina Faso und Äthiopien. An ihren Wochenendbesuchen in Kigali macht Annette Ballhorn zusammen mit Menschen aus der Hauptstadt in verschiedenen Lokalitäten auf der Gitarre Musik und findet so freundschaftlichen Anschluss. Sie erfährt durch die Musik Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das Objekt repräsentiert also für Annette Ballhorn verschiedene zwischenmenschliche Verbindungen. Außerdem ziert die Innenseite der Gitarre ein Aufkleber mit der Aufschrift „Play&Learn“. Der Sticker spiegelt sicherlich zwei wichtige Wertvorstellungen von Annette Ballhorn.
Haben auch Sie …
… eine Aus- oder Einwanderungsgeschichte Ihrer Familie zu erzählen und möchten diese mit den dazugehörigen Objekten und Dokumenten dem Deutschen Auswandererhaus für seine Sammlung übergeben? Dann kontaktieren Sie bitte Dr. Tanja Fittkau unter der Rufnummer 0471 / 90 22 0 – 0
oder per E-Mail unter: t.fittkau@dah-bremerhaven.de