„Zwei im andern Land“
Eine utopische Mondreise als Antwort auf antisemitische Bedrohung

 

„Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Mond sicher.“ – diese Aussage von Hannah Arendt aus dem Jahr 1941 nahm der Berliner Rabbiner Martin Salomonski bereits 1933 in seinem Science-Fiction-Roman Zwei im andern Land vorweg: Darin wandern Juden auf der Suche nach einem sicheren Ort auf den Mond aus. Am Dienstag, den 4. November 2025, um 18:00 Uhr liest Alexander Fromm, Herausgeber der Neuedition (Vergangenheitsverlag 2021), aus der literarischen Wiederentdeckung und kommentiert sie im Gespräch mit Museumspädagogin Astrid Birth.

Martin Salomonski siedelt seinen Science Fiction-Roman im Jahr 1953 an: Unterirdische "Blitzzüge“ rasen vom Alex zum Bahnhof Zoo, dafür leben kaum noch Juden in der Stadt. Die jungen Eltern Mica und Victor suchen ein sicheres Zuhause für ihre jüdische Familie. Sie entscheiden sich für den Mond. Was, wenn die Juden die Erde verlassen und zum Mond fliegen?

Zwei im andern Land erschien 1934 erstmals in der Jüdisch-liberalen Zeitung. Vordergründig als unterhaltsamer und abenteuerlicher Fortsetzungsroman konzipiert ist Salomonskis Roman eine starke Allegorie, die die Grundprobleme des Judentums im aufkeimenden Nationalsozialismus verhandelt. Zugleich zeugt der Roman von der widerständigen Phantasie seines Schöpfers und reiht sich so in die Veranstaltungsreihe "Shifting Grounds" des Deutschen Auswandererhauses und der Heinrich Böll-Stiftung Bremen ein, in der konkrete Beispiele widerständigen Denkens und Handelns in Kunst und Kultur vorgestellt werden.

Der Roman knüpft außerdem literarisch an eines der zentralen Exponate der aktuellen Sonderausstellung des Deutschen Auswandererhauses VERLOCKUNG WELTALL. AUSWANDERN AUF MOND, MARS, VENUS? an: eine kleine Bleistiftzeichnung von Petr Ginz, die dieser im Ghetto Theresienstadt anfertigte. Sie zeigt den Mond als Festung – einen Ort der Sicherheit, zu dem sich der junge Mann von der Erde weg von Verfolgung und Bedrohung träumt.

Das Jahr 1953, in dem Salomonskis Roman spielt, haben weder Petr Ginz noch Martin Salomonski erlebt. Beide wurden 1944 in Auschwitz ermordet.

Über Martin Salomonski
Dr. Martin Salomonski (1881–1944) war Rabbiner, Religionslehrer und Schriftsteller. Von 1910 bis 1925 wirkte er als Rabbiner in Frankfurt (Oder), anschließend in Berlin, wo er unter anderem an der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße und in der Liberalen Synagogen-Gemeinde in der Schönhauser Allee tätig war. Während des Ersten Weltkriegs diente er als Feldrabbiner im Deutschen Heer und wurde 1917 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Salomonski engagierte sich stark für das soziale Leben der jüdischen Gemeinde, gründete Altersheime und unterstützte als Leiter des Aufbringungswerks bedürftige Gemeindemitglieder. Neben seiner religiösen Tätigkeit veröffentlichte er auch literarische Werke, darunter den Berliner Großstadtroman Die geborene Tugendreich (1928) und den utopischen Zukunftsroman Zwei im andern Land (1933). Auch nach 1933 blieb Salomonski in Berlin, bis er 1942 mit seinen beiden jüngsten Kindern nach Theresienstadt deportiert wurde. 1944 wurden er und sein Sohn nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet; seine Tochter starb im April 1945 in Theresienstadt.

Über „Shifting Grounds“
Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Shifting Grounds“ des Deutschen Auswandererhauses in Kooperation mit der Heinrich Böll-Stiftung Bremen. Diese Reihe stellt Beispiele aus Kunst und Kultur vor, die widerständig sind, und gibt ihnen eine Bühne. Die Reihe wird 2026 fortgesetzt. Shifting Grounds wird gefördert von der Dieckell Stiftung.

Der Eintritt ist frei. Aufgrund begrenzter Plätze wird um Anmeldung gebeten unter Tel. 0471-90 22 00 oder veranstaltungen@dah-bremerhaven.de